Der Wolf und der Wald

Ursprünglich war der Wolf einer der am weitesten verbreiteten großen Beutegreifer in Europa und auf der ganzen Welt. Auf der nördlichen Hemisphäre war er flächendeckend vertreten. Doch im Laufe der Zeit wurden die Wölfe in Europa immer stärker verfolgt und gejagt. Auch in anderen Teilen der Welt sah das nicht besser aus, Wölfe wurden vehement verfolgt und gejagt. In England soll er bis zum 15. Jahrhundert, in Schottland bis zum 17. und in Irland ebenso wie im Rest Europas bis Ende des 18. Jahrhunderts vorgekommen sein. Ab dem 19. Jahrhundert begann die Verfolgung, weswegen er in weiten Teilen Europas und im ursprünglichen Verbreitungsgebiet komplett ausgerottet wurde. Ein weiterer Grund für den Rückgang der Wolfspopulation neben der Ausrottung war auch der zwischenzeitliche Schwund des Waldes und der Beutetiere.

Trotz der nahezu totalen Ausrottung konnten sich Wölfe wieder in Europa ausbreiten und etablieren. Dies war möglich, da Wölfe in einigen Regionen Europas überlebten, sich die Populationen erholten und durch Ausbreitung wieder angesiedelt haben. Sie überlebten zum Beispiel in der Balkanregion sowie in Italien, Spanien, Finnland und Portugal. Unterstützt wurde die Ausbreitung dadurch, dass sich die Schalenwildbestände erholten und somit wieder genügend Beute zur Verfügung stand. In den letzten Jahrzehnten kamen dann auch Schutzbestimmungen für den Wolf auf.

Allgemeines

Der in Europa vorkommende Europäische Grauwolf (Canis lupus lupus) ist ein anpassungsfähiger Kulturfolger und einer der größten Landprädatoren in Europa. Weltweit gibt es um die 170.000 Wölfe, in Europa leben davon ungefähr 12.000 Exemplare. Der größte Gegenspieler des Wolfes ist der Mensch, der ihm durch direkte Verfolgung und Lebensraumzerstörung zusetzt. In freier Wildbahn können sie zwischen 8 und 12 Jahre alt werden, in Gefangenschaft erreichen sie bis zu 20 Jahre.

Der Wolf hat eine Kopf-Rumpf-Länge von 100 bis 150 cm, allerdings besteht ein Geschlechtsdimorphismus. Das bedeutet, die Weibchen sind kleiner und leichter als die Männchen. Sie können eine Schulterhöhe zwischen 50 und 90 cm erreichen, die Rutenlänge liegt bei 30 bis 50 cm. Das Gewicht beläuft sich auf 28 bis 38 kg, wobei die nordamerikanischen Unterarten bis zu 80 kg wiegen können. Die leichtesten Exemplare sind die Arabischen Wölfe mit durchschnittlich 15 kg. Bei allen Wölfen sind die Sinnesorgane sehr gut ausgeprägt.

Wölfe können in vielen verschiedenen Farbvariationen vorkommen. In hiesigen Breiten ist der Wolf normalerweise grau bis bräunlich gefärbt und hat einen dunklen Sattelfleck auf dem Rücken. Weiterhin besitzen sie eine helle Gesichtspartie, haben dreieckige Ohren und tragen ihre Rute mit der schwarzen Spitze meistens gerade nach unten. Wölfe sind hochbeinig, was sie für ausdauernde und lange Wanderungen prädestiniert. Ihre typische Gangart ist der geschnürte Trab, das bedeutet die Hinterpfote wird in den jeweiligen Abdruck der Vorderpfote gesetzt.

Als anpassungsfähiges Tier siedelt sich der Wolf in den unterschiedlichsten Landschaften an. Tundra und Offenlandgebiete werden genauso genutzt wie Waldregionen oder Steppe und sogar Wüstengegenden. Sie können außerdem in sumpfigen Gegenden sowie im Hochgebirge und allem dazwischen vorkommen. Wichtig für ihr Vorkommen in einem Gebiet ist ausreichend Nahrung und genügend Rückzugsraum, wo sie nicht gestört werden und ihre Jungen aufziehen können.

Wölfe jagen vorranging die Tiere, die in ihrem Revier häufig vorkommen, bevorzugen aber Schalenwild wie Rehwild, Rotwild, Damwild und Schwarzwild. Wölfe jagen im Rudel und meistens trifft es leichter zu erreichende Beute wie junge, kranke, alte oder schwache Tiere. Ihr Fleischbedarf liegt bei ungefähr 3 bis 5 kg pro Tag, sie können dabei viel Fleisch auf einmal verschlingen und danach mehrere Tage ohne Fressen auskommen.

Wölfe sind sehr soziale Tiere und leben in einer engen Sozialstruktur, dem Rudel. In freier Wildbahn besteht das Rudel aus den Leittieren, dem Elternpaar, den aktuellen Jungen und den Jährlingen sowie eventuell aus Jungtieren aus dem vorletzten Jahr. Die jungen Wölfe wandern nach ca. 10 bis 22 Monaten auf der Suche nach einem eigenen Revier ab, wenn sie geschlechtsreif sind. Wölfe sind territorial, sie markieren und verteidigen ihr Revier gegen Eindringlinge. Die Reviergröße hängt von dem jeweiligen Nahrungsangebot und dem Ort des Revieres ab. Je mehr Nahrung vorhanden, desto kleiner kann das Revier sein. Die Ausmaße eines Revieres können zwischen 50 km² bis 1000 km² variieren. In Europa ist die durchschnittliche Reviergröße etwa 200 bis 300 km². Häufig gibt es zwischen zwei benachbarten Revieren ein Grenzgebiet, in dem keines der Rudel Anspruch hat. Diese Gebiete werden häufig von wandernden Einzelwölfen genutzt, da ihnen hier keine Gefahr droht als Eindringling angesehen zu werden. In einem Rudel pflanzt sich meistens das Elternpaar fort. Die Paarungszeit findet je nach Klimazone von Dezember bis April statt und nach durchschnittlich 63 Tagen wirft das Weibchen oder die „Fähe“ zwei bis sechs Welpen, die blind und taub geboren werden. Nachdem die Welpen bis zur dritten oder vierten Woche das Rudel kennengelernt haben, werden sie auch von den anderen Rudelmitgliedern aufgezogen.

Wölfe in Österreich und ihr Schutzstatus 

Durch die Populationen in den Nachbarländern wie Italien, Schweiz, Slowenien, der Slowakei, Tschechien und Deutschland gab und gibt es in Österreich immer wieder Sichtungen wandernder Wölfe. Seit 2009 gibt es immer wieder nachgewiesene Wolfssichtungen. 2016 siedelte sich ein Wolfspaar in Österreich an und warf noch im selben Jahr. Nun gibt es hier wieder ungefähr 30 bis 35 Tiere. Diese siedelten sich auf natürlichem Wege, durch abwandernde Tiere anderer Populationen auf der Suche nach einem eigenen Revier, an12.

Nach Europäischen Recht, im Speziellen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, ist der Wolf eine streng geschützte Art. Geschützt wird er außerdem durch das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES) und die Berner Konvention. In Österreich unterliegt der Wolf nicht dem Jagdrecht und ist in jedem Bundesland durch Naturschutzgesetze geschützt.

Einfluss des Wolfs auf den Wald 

Als ganzjährig im Rudel jagende Tiere stellen die Wölfe die größte natürliche Bedrohung für das Wild dar. Der Wolf jagt alles Schalenwild, je nach Vorkommen können sich Präferenzen in der Nahrung ergeben. Die Einflüsse von Wölfen auf das Ökosystem und die Beutetiere sind komplex und können sich über die Zeit verändern. 

Wenn Wölfe in ein Gebiet kommen, brauchen sie Nahrung, jagen und reduzieren somit die Wildbestände, was den Verbiss verringert. Das ist der direkte Effekt, wenn einige Wölfe wieder in ein Gebiet zurückkehren. Vor allem sind aber indirekte Einflüsse zu erkennen. Das bedeutet zum Beispiel die Verringerung oder Veränderung des Verbisses durch Verhaltensänderungen von Schalenwild und nicht durch eine verringerte Anzahl der Tiere. Solche indirekten Einflüsse sind zum Beispiel im Yellowstone Nationalpark in den USA daran zu erkennen, dass durch die Rückkehr des Wolfes weniger Aspen verbissen wurden und eine veränderte Baumartenzusammensetzung auftrat. Dadurch konnten sich wieder vermehrt Biber sowie Singvögel ansiedeln. Weiterhin wuchsen durch den verringerten Äsungsdruck die Zwergsträucher besser und bieten nun mit ihren Beeren eine weitere Nahrungsquelle für Bären und Vögel. Zusätzlich wird durch die gerissene Beute der Wölfe Aas für andere Tiere zur Verfügung gestellt, was auch wieder die Biodiversität steigert. So profitieren Käferarten, Singvögel und andere Tierarten vom Wolf.

Gründe hierfür sind zum Beispiel die erhöhte Wachsamkeit der Beutetiere, wenn Wölfe wieder in einem Gebiet vorkommen. Des Weiteren halten sie sich nicht mehr nur an einer Stelle im Wald auf, die sie „in Ruhe“ verbeißen können. Das Schalenwild kommt mehr in Bewegung und zieht durch den Wald. Dadurch verteilt sich der Verbiss, wird kleinflächiger an mehreren Stellen und ist nicht hauptsächlich großflächig konzentriert. Für den Wald und die Verjüngung ist diese Situation vorteilhaft, da nicht mehr so viele Bäume in einer Region verbissen werden und die Chance besteht, dass wieder junge Bäume und auch spezielle Baumarten in der Region wachsen können. 

Direkte und indirekte Einflüsse

Weitere indirekte Einflüsse sind, dass durch die Reduktion der Schalenwildbestände die Nahrungsgrundlage für die verbleibende Population verbessert wird. Die Tiere sind also fitter und die Wintersterblichkeitsrate kann so verringert werden. Auch die Nahrungszusammensetzung kann sich verändern und der Äsungsdruck, je nach Situation, zu- oder abnehmen. Eine weitere häufig auftretende Veränderung ist eine veränderte Raum-Zeit-Nutzung und das Ausweichen in Regionen, die sicherer sind. Sie wandern zum Beispiel in wald- und totholzreichere Gebiete ab, da diese mehr Schutz bieten als offene Landschaften. Ebenso kommt es durch die Präsenz der Wölfe bei ihrer Beute zu mehr Sicherungen zwischen oder während den Mahlzeiten, was zu mehr Unterbrechungen zwischen dem Äsen führt. Das wiederrum hat verringertem Verbiss zur Folge. So kann eine Verjüngung der Bäume stattfinden und ein natürlicher Wald kann über kurz oder lang entstehen. 

Ein weiterer positiver Effekt auf den Wald und die Verjüngung ist der kombinierte Prädationsdruck. Das bedeutet, dass mehrere Großräuber in einem Gebiet vorkommen und zusammen vermehrte Effekte erzielen. Zum Beispiel konnte nachgewiesen werden, dass in Gebieten, in denen der Luchs und der Wolf vorkommen, die Rehdichte geringer ist als in den Gebieten, in denen nur der Wolf oder nur der Luchs vorkommen. Auch in Gebieten, in denen der Wolf und der Bär vorkommen, gehen die Schalenwildbestände zurück. In letzteren vor allem, weil Bären eher die Jungtiere reduzieren und Aas fressen, welches durch die Wölfe erlegt wurden. Dadurch haben die Wölfe weniger zu fressen und jagen nun mehr als sie normal brauchen würden. So werden die Bestände weiter reduziert. Dasselbe kann auch beim gemeinsamen Vorkommen von Bär und Luchs beobachtet werden13

Die Calanda-Region zeigt die Auswirkungen von Wolfspräsenz

Ein weiteres Beispiel, das die Folgen auf den Wald zeigt, ist das Rudel in der Calanda-Region in der Schweiz. Hier kommen vor allem indirekte Effekte zum Tragen. Das Schalenwild ist in der Region heimlicher geworden. Das Stein- und Gamswild verlagert seine Aktivitäten in die sicheren Felsengegenden. Auch kann die Gamsbrunft kann immer häufiger in den felsigen und für Beutegreifer unzugänglichen Gegenden beobachtet werden, da die Gämsen dort sicherer sind. Auch das Rotwild zieht sich tagsüber aus den offenen Gebieten zurück. Entweder ziehen sie sich in die weniger gut zu erreichenden Regionen zurück oder in den Wald mit besseren Deckungsmöglichkeiten. Des Weiteren wandert das Rotwild nicht mehr nur im Winter in die tieferen Tallagen ab, um Ruhe zu finden und dem Prädationsdruck des Wolfes zu entkommen. Hieraus lässt sich schließen, dass sich die Wildtiere „wieder an die Wurzeln der Evolution halten. Der Rothirsch als Läufertyp muss sich wieder Wanderungen annehmen, das Gams- und Steinwild orientiert sich wieder an den Felsen und das Reh kehrt zum Drückertyp zurück.“ 

Die Verhaltensänderungen des Schalenwildes wirken sich auch auf die Vegetation aus. Wenn sich zum Beispiel Gams- und Steinwild in die felsigeren Regionen zurückzieht, verursacht es dort keinen Verbiss. Wenn das Rotwild wieder auf Wanderschaft geht, wird zwar auch verbissen, aber nicht in dem Ausmaß wie von einem ganzen Rudel Rotwild, das länger in derselben Umgebung verweilt. Dadurch haben die Baumsämlinge bessere Chancen zu überleben und natürliche Verjüngung kann stattfinden. Auch die Verteilung des Wildes bringt Entlastung für den Wald.

In der Calanda-Region sind vor allem in der ersten Zeit nach der Rückkehr des Wolfes die indirekten Einflüsse zu sehen gewesen. In Kerngebiet des Rudels ist der Verbiss bei zum Beispiel Tanne, Ahorn und Vogelbeere deutlich gesunken. Dies spricht auch dafür, dass Wilddichten reduziert wurden, was auf die Wölfe zurückzuführen ist. Weiterhin wurden Verhaltensänderungen beobachtet, die sich positiv auf die Verbissintensität auswirkte. Allerdings stieg im Wintereinstand des Rotwildes der Verbiss an. Warum dies der Fall ist, ist noch schwierig zu beurteilen. Hier wird deutlich, dass die Gleichung „Wolf = weniger Wild = weniger Verbiss“ nicht immer so einfach zutrifft. 

Hin zu einem natürlichen Gleichgewicht

Natürlich ist hier noch abzuwarten was die Langzeitfolgen der Wölfe auf das Schalenwild sind. Durch die genannten Beispiele ist auf jeden Fall zu sehen, dass der Wolf einen Einfluss auf die Waldverjüngung und den Wald im Allgemeinen hat. Sei es nun durch indirekte, direkte oder kombinierte Effekte. Allerdings sind diese Räuber-Beute-Beziehungen komplex und können nicht pauschal und im Allgemeinen auf jede Region angewendet werden. Durch Langzeiteffekte kann am besten beurteilt werden, was sich verändert hat. Sie zeigen, wie die Situation ursprünglich in Europa war. Es braucht Zeit, bis sich das gesamte Gefüge wieder eingespielt hat. Auch hat der Wald mehr Zeit sich zu erholen, wenn das Schalenwild mobiler ist und sich mehr bewegt und umherstreift. Weiterhin ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch andere, häufig verbissene Baumarten durch die Bewegung des Wildes wieder hochkommen, groß.

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